Anthologien

Hier finden sie meine veröffentlichten Texte in den Anthologien.

Neue Gedichte von Poetinnen und Poeten zum Thema »jung und alt« sind in der Nummer 33 der Jahresschrift DAS GEDICHT zusammengetragen.

Fensterzeit

Die alte Frau
Sitzt am Fenster
Wartet auf
Den Güterzug
Der stets um elf
Vorüberrattert
Und sie erfreut
Mit bunten Graffiti

Danach wieder frei
Ihr Blick auf
Den Kastanienbaum
Jenseits der Geleise
Unter dem sie
Verbotenerweise
Begraben sein will

Bald weiss
Niemand mehr
Dass sie bunte
Lerninseln schuf
für Sonderschüler

Jedes Kind
In seinem Rhythmus
Durfte lernen –
Und wie es roch
Nach Wachsmalstiften
Und frisch geschälten
Äpfeln


Zeitschrift Bd. 32 / Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik
Menschlichkeit. Die Poesie der Nähe

Der Sterbende

von Bernhard Brack, Dezember 2024

Der Sterbende

Bereits in einem Zwischenland
Wühlt er sich durch Worte
Deren Zusammenhänge
Ich zu verstehen versuche


Die Zukunft wird sonnig! Nach Abwendung einer weltweiten Krise entsteht eine utopische Gesellschaft. Jahre später fragt die nächste Generation die Älteren: Wieso wandelte sich die Welt vom rücksichtslosen Profitdenken hin zu Solidarität und gemeinsamer Zuversicht?

Die letzte Radtour mit Grossvater

von Bernhard Brack, Dezember 2024

Von jenem Tag an, als ich der Erde über die hohe blaue Stirne streifte, mit den Fingerspitzen die Wolkenrippe ertastete und ihr die Strähnen der Flugzeugbahnen aus dem Gesicht strich, war nichts mehr wie vorher. Höchstens die Ahnung vielleicht, einmal ein Mensch gewesen zu sein, der auf der Erde rumwuselte.
«Woher hast du das?», fragte der alte Mann.
«Aus deinen Tagebüchern, Grossvater. Wir haben doch gesagt, wir würden deine Tagebücher auf die Radtour mitnehmen.»


Ein Jugendlicher sucht Kontakt, indem er immer wieder Grenzen überschreitet.

Woher kommt der Wind?

von Bernhard Brack, September 2024

Welch sinnvollere Aufgabe gab es für einen pensionierten Sozialarbeiter und Radler, als eine Kleinklasse von pubertierenden Jungs und Mädels auf einer Radtour um den Bodensee zu begleiten? Einzig der Regen und die Kälte dämpften meine Vorfreude. Doch trotz des garstigen Wetters und wenig erfreulicher Prognosen wollten die meisten losradeln. Die Tour begann damit, dass jemandem die Kette riss (wir deshalb ein Rad mieten mussten), zwei Mädchen bei der ersten leichten Steigung vom Rad stiegen und die vier Jungs, die vorausfuhren, nicht am vereinbarten Ort warteten.


Die Geschichte eines Vaters, der von seinen Söhnen enttäuscht ist, findet eine überraschende Wende …

Die Geschichte eines Vaters, der von seinen Söhnen enttäuscht ist, findet eine überraschende Wende …

Vater

von Bernhard Brack, Juni 2024

Mein Vater ist seit zwölf Jahren tot.
Tot ist ein kurzes Wort, der Kreis in der Mitte umgeben von zwei Kreuzen.
Was ist zur Vollendung gekommen, und welche Triebe wachsen weiter, tasten nach Licht?
Als ich die Urne von der Kirche zum Friedhof trug, lag ein gewöhnlicher Aprilhimmel über dem Dorf, der Weg war derselbe, den ich als Bub zum Konfirmationsunterricht gegangen war, und Autos fuhren wie immer über die Strasse.


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Ein einfacher Hirte, dessen Frau unter grössten Schmerzen geboren hat, findet den Weg zur Krippe in Bethlehem und kann dem Heiligen Ereignis vorerst nichts abgewinnen …

Lichtsprung

von Bernhard Brack, Mai 2024

Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet, die Erde war so trocken, dass sie Risse bekam. Wenn er mit seiner Herde Stellen aufsuchte, wo noch spärlich Gras wuchs, wirbelte sie Staub auf. Auch in der Luft war wenig Feuchtigkeit, sodass es in den kalten Nächten kaum Tau absetzte.
Wie konnte er seine Frau und das Neugeborene durchbringen?
Aus einem Kümmernis wurde ein nächstes wie aus Staubwolken immer neuen Staubwolken wuchsen, wenn die Herde nach Gras suchte.



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Die Geschichte einer Frau, die ihren Weg aus komplizierten Familienverhältnissen findet – auch dank ihrer Liebe zum Bodensee.

Ein zweites Leben

von Bernhard Brack, April 2024

Wie ein blutiger Fisch sei sie aus dem Körper ihrer Mutter geflutscht, und ihre Augen hätten blau geleuchtet wie Vergissmeinnicht, hatte ihr Vater über ihre Geburt erzählt. Erst als die Erzählung schon so alt geworden war, dass sie nicht mehr erzählt wurde, begriff sie, wie viel Liebe in seiner Metapher steckte.
Denn Vergissmeinnicht war seine Lieblingsblume und der Fisch entsprang seiner Liebe zum See, zum Bodensee.
Vergissmeinnicht. Manchmal hätte sie sich gewünscht, sie wäre in ihrer Familie weniger vergessen gegangen.